Woher kam die Idee zum Musiktheaterparlament „Pandaemonium“?
Sebastian Hannak: Wir haben darüber nachgedacht, wie wir trotz Abstandsregelungen und beschränkten Zuschauerzahlen große Opernwerke wie „Wozzeck“ oder „Tosca“, die beide gleich zum Saisonstart bei uns ihre Premiere feiern, mit vollem Orchester, mit vollem Chor und in ihrer Gänze ermöglichen können. Die Bühnenanlage hier in Kassel ist sehr weiträumig, das wollten wir ausnutzen und haben schließlich die gesamte Bühne inklusive Seiten- und Hinterbühne mit Aufbauten versehen, so dass sich das Orchester in der Mitte der Bühne befindet und die Zuschauer in einer dreistöckigen, hufeisenförmigen Gerüstanlage ringsherum sitzen. Der normale Zuschauerraum kann – Stand jetzt – zusätzlich dazu mit Schachbrettmuster besetzt werden.
Florian Lutz: Durch die Errichtung des Pandaemoniums haben wir rund 250 zusätzliche Plätze geschaffen. Die Umbauten entfalten aber auch eine künstlerische Wirkung: Die Zuschauer sitzen sich durch die hufeisenförmige Anordnung teilweise gegenüber. Dadurch verstärkt sich natürlich dieser durch die Pandemie so schmerzlich vermisste Moment des gemeinschaftlichen Theatererlebnisses. Gleichzeitig wird das Publikum Teil des Bildes und es entsteht der Charakter eines Versammlungsortes, an dem sich die Zuschauenden einerseits Musik anhören und Theater anschauen, aber andererseits auch in einen gedanklichen Austausch miteinander kommen und sogar interaktiv am Geschehen teilnehmen können. So entstand auch der Begriff des Musiktheaterparlaments.
Was sind die Vorteile gegenüber der klassischen Bühne?
Lutz: Dieses Gerüst hat eine Länge von über hundert Metern, und zwar über drei Stockwerke. Allein das bietet natürlich Spielmöglichkeiten. Die Figur des Wozzeck als einen Getriebenen zu zeigen, der dort die ganze Zeit wie im Hamsterrad umherlaufen muss – das lässt sich mit dieser Konstruktion viel deutlicher zeigen als mit einem klassischen Bühnenbild, weil man ganz andere Größendimensionen bedienen kann und eine ganz andere Bewegungsintensität hinbekommt.
Hannak: Dadurch, dass sich mit diesem Bühnenaufbau auch mehrere Spielabschnitte auf der Bühne ergeben, lassen sich auch die Nebenhandlungen darstellen. Bei „Tosca“ beispielsweise passiert sehr viel im Hintergrund: Da gibt es ein Fest im Palazzo Farnese, Cesare Angelotti hält sich in seinem Haus versteckt – in einer normalen Inszenierung werden diese Vorgänge nur erzählt, aber bei uns wird es bildlich dargestellt, da mehrere Handlungen parallel laufen können und für die jeweils anderen Zuschauer per Livevideo übertragen werden.
Der konstruierte Raum soll partizipatives Musiktheater ermöglichen und auch ins Digitale wachsen. Was hat es damit auf sich?
Lutz: Das Pandaemonium soll zu einem interaktiven Raum werden, in dem eine Art von Austausch stattfindet, zum Beispiel in Form von Abstimmungsverfahren. Wir experimentieren zum Beispiel, inwieweit das auch mit digitalen Mitteln möglich ist. Auf jeden Fall gibt es im Pandaemonium ein elaboriertes Videosystem, sowohl einfach zur Bildübertragung als auch zu bestimmten interaktiven Momenten. Das ist notwendig, da das Geschehen zum Großteil auf vier verschiedenen Bühnensegmenten stattfindet, die von den Plätzen aus unterschiedlich gut einsehbar sind.
Hannak: Außerdem haben wir eine Augmented Reality-App entwickelt, mit der man sich eine Einführung in das Pandaemonium und die Oper Wozzeck anhand von Schlüsselszenen mit dreidimensionalen Figuren auf dem Handy ausspielen lassen und vorab zu Hause anschauen kann. Auch den Raum haben wir im Vorfeld als architektonisches 3D-Modell geschaffen. Wir haben das im Team als virtuell begehbare Arbeitsgrundlage benutzt, aber dieses Modell bietet dem Publikum auch die Möglichkeit, sich schon im Vorfeld online mit dem Raum auseinanderzusetzen.
Die neuen Formate sollen sicherlich auch ein jüngeres Publikum ansprechen. Besteht die Gefahr, dass sich das Stammpublikum von solch unkonventionellen Modellen abschrecken lässt?
Lutz: Es sollte eigentlich für beide Gruppen ganz gut funktionieren. Das Erlebnis, im Pandaemonium zu sitzen, ist ja in erster Linie ein analoges. Man sitzt auf dem Gerüst in einem, drei oder sechs Metern Höhe, schaut auf ein reales Orchester und hat einen sehr unmittelbaren Klangeindruck. Man muss nicht in irgendeine digitale Welt eintauchen, sondern kann das auch einfach als haptisches Erlebnis nehmen. Und wer möchte, kann sogar ganz klassisch im Zuschauerraum sitzen und die Vorstellungen konventionell genießen. All das Digitale und Partizipative ist in jedem Fall ein „Kann“, kein „Muss“.
Hannak: Mit den Projekten an der Oper Halle haben wir die Erfahrung gemacht, dass das erfahrenere Opernpublikum teilweise sogar noch begeisterungsfähiger für diese neue Art von Erlebnis ist: Es kann das Gewohnte ganz neu und unmittelbar erfahren. Auf jeden Fall kann sich das Publikum so beispielsweise im Vorfeld über Sitz- und Erlebnismöglichkeiten informieren.
Inwiefern ist die neue Konzeption auch für die Künstler eine ungewohnte Herausforderung?
Lutz: Vor allem für das Orchester sind sicherlich die großen Abstände eine besondere Herausforderung. Es sind ja teilweise bis zu dreißig Meter Abstand zwischen den Musikern. Genauso spannend wird natürlich auch das Zusammenspiel und Zusammenklingen der Sängerinnen und Sänger, die sich rings umher und teilweise auch in großer Höhe auf dem Gerüst bewegen. Dazu kommt diese Unmittelbarkeit des Spiels und die große Nähe zum Publikum.
Was haben Sie sich insgesamt für Ihre Zeit in Kassel vorgenommen?
Hannak: Der Diskurs spielt immer eine Rolle, um gegenseitiges Verständnis zwischen dem Theater und seinem Publikum aufzubringen. Wir werden weiterhin versuchen, mit dem Publikum im Austausch und in Kontakt zu bleiben. Dazu gehört auch das Experimentieren, zum Beispiel mit Räumen oder partizipativen Elementen. Man sollte den Zuschauenden immer eine eigenständige Wirkmächtigkeit überlassen und sie als direkte Dialogpartner sehen.
Lutz: Wir versuchen, dem Genre des Musiktheaters starke zeitgenössischen Impulse zu verleihen, das Ganze aber gleichzeitig durch Vermittlung und eine gewisse Ausgewogenheit im Spielplan so zu gestalten, dass unser großer Stamm an Abonnentinnen und Abonnenten da gerne dranbleibt und mitgeht. Nicht weil wir mögliche Kontroversen scheuen, sondern weil wir einfach gerne mehr Menschen erreichen möchten, um ihnen etwas Neues zu zeigen. Der Wunsch ist dabei immer, auf Akzeptanz zu stoßen und sich so gemeinsam um eine zeitgemäße Form dieses altehrwürdigen Genres Musiktheater zu bemühen.
concerti-Tipp:
Theater@home: Wozzeck (Augmented Reality App)
Eine virtuelle Einführung in Alban Bergs Oper „Wozzeck“ am Staatstheater Kassel
Hier geht’s zum Download und zu weiteren Infos.
Digitaler Rundflug durch das Pandaemonium: