Startseite » Interviews » Blind gehört » „Haben Sie mich da aufs Glatteis geführt?“

Blind gehört Matthias Grünert

„Haben Sie mich da aufs Glatteis geführt?“

Der Dresdner Frauenkirchenkantor Matthias Grünert hört und kommentiert Aufnahmen von Kollegen, ohne dass er weiß, wer spielt.

vonChristian Schmidt,

Immerhin zwei Jahrzehnte ist es nun schon her, dass die Dresdner Frauenkirche sechzig Jahre nach ihrer Zerstörung wieder eröffnet werden konnte. Von Beginn an leitet Matthias Grünert nicht nur den großen Kirchenchor, sondern nimmt mit seinem renommierten „Kammerchor der Frauenkirche“ auch zahlreiche Großwerke der Kirchenmusik auf CD auf.

Grünert: Pater Noster

Kammerchor der Frauenkirche Dresden, Matthias Grünert (Leitung)
Rondeau 2015

Mein „Pater Noster“ habe ich 2015 dem Kammerchor der Frauenkirche zum zehnjährigen Jubiläum geschenkt. Es setzt die damals schon vorhandenen Stärken des Ensembles in Szene. Ein Jahr später waren wir als „lutheranischer Chor“ sogar beim Papst eingeladen, auch wenn er überrascht schien, dass wir mit Frauenstimmen kamen. Ich bezeichne mich selbst nicht als Komponist, aber mir ist das Schreiben schon wichtig, zumal wenn man einen leistungsfähigen Chor zur Verfügung hat. Auch zum Zwanzigjährigen habe ich wieder etwas komponiert, was wir gerade probieren.

C. P. E. Bach: Matthäus-Passion

Amsterdam Baroque Orchestra & Choir, Ton Koopman (Leitung)
ORF 2002

Der Choral scheint mir sehr tief, oder? Haben Sie mich da aufs Glatteis geführt? „Wer hat dich so geschlagen“ kommt ja sowohl in Johann Sebastians Johannes- als auch in der Matthäus-Passion vor, wenngleich in unterschiedlichen Tonarten. Dass der Carl Philipp Emanuel da so wörtlich zitiert hat, war damals ja im Sinne der plagiierenden Parodien üblich und sicher eher als Ehrerbietung gegenüber dem Vater zu verstehen. Ich finde es sehr schön musiziert, genau mein Ansatz. Wer es ist, erkenne ich aber nicht, ich höre sehr wenig.

Von Einem: Tier-Requiem

Wiener Singakademie & Symphoniker, Rafael Frühbeck de Burgos (Leitung)
ORF 1996

Was die Entstehungszeit angeht, täuscht man sich da leicht. Ist wahrscheinlich jünger, als man denkt. – Neunzigerjahre sogar?! Von Gottfried von Einem habe ich mal eine Orgelsonate gespielt. Von diesem Tier-Requiem habe ich ehrlich gesagt noch nie gehört. Steht in der Tradition von Franz Schmidts Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“, sehr interessant, große Orchesterbesetzung! Leider kann man sich in der nicht subventionierten Frauenkirche kaum so abseitiges Repertoire leisten, weil das Publikum auf einen festen Werkekanon festgelegt ist und wir das Haus sonst einfach nicht voll bekommen. So etwas müssen Veranstalter machen, die das auch qua Auftrag spielen sollen. In Dresden müssen wir vor der touristischen Laufkundschaft bestehen, denn die Frauenkirche hat keine Gemeinde.

Cherubini: Requiem

Kammerchor der Frauenkirche Dresden, Matthias Grünert (Leitung)
Rondeau 2016

Das ist Cherubinis Requiem, ein tolles Stück! Sind wir das? – Das war eine schöne Kooperation mit dem Orchester des Theaters Altenburg-Gera. Im Gegensatz zu Mozarts Requiem mit tausend Fassungen ist es original erhalten und hat für meine Begriffe auch mehr Substanz als Süßmayrs Mozart-Verschnitt, es ist sehr viel abwechslungsreicher. Würde ich gern mal wieder machen, aber legen Sie mal am CD-Tisch unsere Requien von Mozart und Cherubini nebeneinander: Der eine Stapel ist bald leer, der andere bleibt liegen. Je enger das verkäufliche Repertoire wird, desto seltener werden spannende Sachen gemacht, was wiederum die Bekanntheit eher abseitiger Literatur schmälert – ein Teufelskreis.

Loewe: Die Sühnopfer des neuen Bundes

Chor der Nikolauskirche Frauenfeld, Mario Schwarz (Leitung)
FSM 1992

Eine Psalmvertonung aus der gleichen Zeit, und es ist aller Ehren wert, dass sich Laien solcher unbekannten Werke annehmen, aber schon die Aufnahmetechnik lässt einiges zu wünschen übrig. Ist nicht als Vorwurf gemeint, aber in der Pseudofuge geht einiges durcheinander. Interessant ist das Stück aber. Ich habe einen dicken Oratorienführer zu Hause, den ich jedes Jahr durchblättere auf der Suche, was man mal machen könnte. Oftmals scheitert so etwas dann an den Notenausgaben, und ich habe schon den Ehrgeiz, dass die Musik möglichst nahe am Original sein sollte, selbst wenn es von Kopisten irgendwo überliefert ist.

Beethoven: Die Weihe des Hauses

Vocalconsort Berlin, Sächsischer Kammerchor, Fabian Enders (Leitung)
Profil 2021

Klingt wie Beethoven, aber der Chor wirkt sehr inhomogen, um es mal vorsichtig zu sagen. Solche Musik ist aber auch sehr anspruchsvoll, sehr offen in der Fraktur, da sind Unisono-Einsätze intonatorisch äußerst heikel. Wir haben mal Beethovens C-Dur-Messe für Esterhazys Haydn-Nachfolge gemacht, aber ehrlich gesagt, waren weder der damalige Fürst noch ich sehr angetan von der Komposition. Es fehlte der Fluss. Beethoven hat für Chöre nicht sehr geschmeidig geschrieben.

Spohr: Die letzten Dinge

Chorwerk Ruhr, Cappella Coloniensis, Bruno Weil (Leitung)
Capriccio 2007

Hier versteht man wenigstens den Text schön, klingt nach Mendelssohn. – Was, früher? Sehr lyrische Tenöre, gefällt mir gut! Auch das Orchester klingt sehr kultiviert. – Ach, „Die letzten Dinge“ von Spohr! Das habe ich auf meiner dringenden To-do-Liste, vielleicht für 2027, denn der Mann gehört zu den sträflich unterschätzten Komponisten.

Haydn: Schöpfungsmesse

Kammerchor der Frauenkirche Dresden, Matthias Grünert (Leitung)
Rondeau 2013

Wir haben alle Haydn-Messen gemacht, aber ich erkenne leider nicht, welche es ist. Können wir mal das „Dona nobis pacem“ hören? Dann kann ich nach dem Ausschlussprinzip vorgehen. – Natürlich, die „Schöpfungsmesse“! Sehr geeignet für unser ökumenisches Publikum, so dass wir sie nicht nur in den Sonntagsmusiken musizieren können, sondern auch im Gottesdienst. Das lässt sich – und das muss ich immer mitdenken – auch buchhalterisch besser abbilden.

Jenkins: Requiem

Serendipity, West Kazakhstan Philharmonic Orchestra, Karl Jenkins (Leitung)
Decca 2006

Das dürfte Karl Jenkins sein, ein durchaus wertvoller Beitrag zur zeitgenössischen Kirchenmusik. Ich weiß, dass viele Choristen das sehr mögen, weil es ein bisschen abgeht wie hier, aber auch in den langsamen Stellen durchaus sphärisch-ätherisch dahin­nebelt. Ich schätze diese Musik auch sehr, weil sie den Weg in die Moderne öffnet, ohne überfordernd zu wirken. Zu meinen Studienzeiten in den Neunzigern sprang da noch nicht so viel Attraktives ins Auge, da ging es eher um grafische Notation und ähnliche Effekte. Heutzutage sind solche Anleihen aus der Popularmusik ja kein Problem mehr. Für uns wäre allerdings allein die riesige Orchesterbesetzung schon eine Herausforderung.

Henze: Requiem

Reinhold Friedrich (Trompete), Bochumer Symphoniker, Steven Sloane (Leitung)
Cybele 2010

Man muss schon sehr selbstbewusst sein, um zu glauben, dass ein Requiem auch ohne gesungenen Text funktioniert. Das „Rex tremendae“ hier könnte genauso gut auch ein „Dies irae“ sein, eigentlich wie Programmmusik. Aber tolles Stück! Neunziger? Ich hätte eher noch auf etwas später getippt.

Rachmaninow: Vesper op. 37

Choir of the King’s College Cambridge, Stephen Cleobury (Leitung)
EMI 1999

Das Stück kenne ich nicht, aber es ist wunderschön und klingt nach der sehr gepflegten englischen Phrasierungskunst. Bleibt das a cappella? Könnte fast noch eine Orgel drunterliegen, so rund ist der Klang. Extremer Tonumfang, für das Kontra-B braucht man schwarze Bässe. Die russische A-cappella-Musik können wir deswegen hier nicht pflegen, aber ich kann mir vorstellen, dass die Choristen davon sehr mitgerissen werden. Hier klingt es sehr gepflegt und sehr weich. Die King’s-Trebles sind allen anderen Knabenchören weit voraus.

Mozart/Levin: Messe c-Moll

Gaechinger Cantorey, Bach-Collegium Stuttgart, Helmuth Rilling (Leitung)
Hänssler 2005

Kein Haydn? – Die Messe haben wir doch schon gemacht! Ach so, naja, das ist ja im Grunden genommen Robert D. Levin; es fällt auf, dass es eigentlich nicht wirklich von Mozart sein kann. Aber dafür ist es sehr schön musiziert: Sopran sehr glockig, Alt sehr präsent, Orchester sehr gut. Bei Rilling bin ich überrascht, da gefallen mir oft die Tempi nicht. Aber das ist sehr fluffig. Peinlich, dass ich das nicht gleich erkannt habe, aber das hat damit zu tun, dass wir eben doch schon sehr viel selbst gemacht haben. In den letzten Jahrzehnten verschwimmt dann das eine oder andere.

Puccini: Messa di Gloria

Gaechinger Cantorey, Dresdner Kammerchor, Hans-Christoph Rademann (Leitung)
Carus 2023

Muss man das kennen als Kirchenmusiker? Oh ja, Giacomo Puccinis Glorienmesse die sollte man kennen. Der Dresdner Kammerchor hat eine charakteristische Klanggebung, was man ja anstreben sollte; als ehemaliger Windsbacher ist man geprägt von Perfektion. Auch im Kammerchor der Frauenkirche arbeiten wir an einem bestimmten kopfig-geradlinigen Klangideal ohne Vibrato. Ich weiß um seine Stärken und Schwächen, und so ist es natürlich schwer, sich selbst in einer Liga zu verorten. Von objektiven Parametern abgesehen ist so ein Ranking schwer möglich und auch nicht sehr sinnig. Die große Szene guter Chöre in Dresden ist auf jeden Fall eher eine Bereicherung als eine Konkurrenz.

Album-Tipp:

Album Cover für The Concerto Session

The Concerto Session

Werke von Hertel, M. Haydn u. a. Helmut Fuchs (Trompete), Matthias Grünert (Orgel) Rondeau

Termine

Auch interessant

Rezensionen

  • „Lebe im Hier und Jetzt!“
    Interview Joyce DiDonato

    „Lebe im Hier und Jetzt!“

    Joyce DiDonato reflektiert über die Kraft der Musik, ihre künstlerische Mission und den Mut, trotz globaler Krisen weiterzumachen.

Klassik in Ihrer Stadt

Newsletter

Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach: frische Klassik!