Ihr Album „The Summer Portraits“ erscheint im Winter. Ist das Zufall oder war das geplant?
Ludovico Einaudi: Es war nicht geplant. Aber natürlich haben wir da einen aparten Gegensatz: ein Album, das uns an den letzten Sommer erinnert. Ich selbst habe die meisten Stücke zwischen Januar und Juni komponiert.
Inwiefern sind Ihre Kompositionen „Porträts“?
Einaudi: In der Musikhistorie ist dieser Begriff vorgeprägt, Stichwort: „Bilder einer Ausstellung“. Musik und Malerei können sehr nah beieinander liegen.
Inspirationen für Ihr Album lieferten Malereien in Ihrem Ferienhaus. Haben Sie am Ende diese Bilder gleichsam vertont?
Einaudi: Nicht wirklich. Die konkreten Bilder waren Metaphern, sie erinnerten mich an die Sommertage in meiner Kindheit, waren, wenn man so will, die Rahmen für die Bilder meiner eigenen Erinnerungen und Erlebnisse. Es sind die Gefühle, die ich in die Musik übertragen habe, nicht das konkrete Bild.
Wobei die vertonten Gefühle im melancholischen Spektrum liegen. Was ist mit den heutigen Sommertagen los?
Einaudi: Melancholie ist Teil meiner Musik. Außerdem sind die Sommer eines Erwachsenen Menschen nicht mehr die Sommer, wenn man zehn Jahre alt ist. Es ist die Lebensphase des Entdeckens, des Lernens. In dieser Jahreszeit haben Kinder die Freiheit, zu tun und zu lassen, was sie wollen. Im Mittelmeerraum ist der Sommer besonders schön, all das herrliche Obst und Gemüse, das man schmecken und riechen kann, das Sonnenlicht, die langen Tage. Als umherstreifendes Kind bist du umgeben von Natur, wirst ein Teil von ihr. Es ist einfach ein wunderschönes Leben!
Es scheint ein sehr persönliches Album zu sein, wenn man Sie so reden hört.
Einaudi: Absolut. Ich habe sonst nie so viel über mein Leben gesprochen wie über dieses Album.
Ist der Sommer die kindlichste aller Jahreszeiten?
Einaudi: Wenn du Glück hast und diesen Teil des Lebens mit deiner Familie an einem schönen, friedvollen Ort verbringen darfst, dann darfst du so viele schöne neue Dinge erfahren und lernen, ohne dabei in die Schule zu gehen. Überhaupt hast du keine Verpflichtungen in dieser Zeit. Dafür steht für mich der Sommer auch: für freie Zeit, die man als Erwachsener nicht mehr so üppig zur Verfügung hat.
Welches Lebensalter würde in diesem Sinne ein Winter-Album repräsentieren?
Einaudi: Ganz konkret kann ich das nicht festmachen, aber es wäre sicher nicht die Kindheit, nein.
Nicht nur auf diesem Album, sondern ganz generell gibt es zu vielen Ihrer Liedern Videoclips, bewegte Porträts, wenn man so will. Inwiefern sind Sie da in der Produktion mit eingebunden?
Einaudi: Wenn jemand ein Video für mich macht, möchte der Videoproduzent meist seine eigene Geschichte erzählen, während ich schon mit meiner Musik meine Story erzählt habe. Insofern ist es schwierig, wenn ich mich da einbringe. Es muss aber nicht immer so sein: Letzten Sommer habe ich mit meinem Handy von einem Boot aus ein paar Videos gemacht, die sehr gut zu meinen Vorstellungen zum Song „Pathos“ passten. Also haben wir aus diesem Material das Video produziert.
Haben Sie beim Komponieren eine bestimmte Methode?
Einaudi: Nicht wirklich. Am Anfang des Komponierprozesses gehe ich nach der Devise vor, bloß nicht allzu viel zu denken oder nachzudenken. Meist improvisiere ich am Klavier. Einige Passagen nehme ich auch auf meinem Handy auf. Auf diese Weise erliege ich nicht dem Druck, etwas zu erschaffen. Vielmehr erwächst aus diesen Passagen heraus ein Stück, ganz spontan. Die erste zündende Idee muss also von alleine kommen, ich will da nichts erzwingen. Zu einem späteren Punkt sortiere ich dann diese Ideen aus. Einige von ihnen sind dann schon recht weit entwickelt, andere muss ich noch zurechtschleifen. Dann geht es an die Instrumentierung und ich probe mit den Musikern.
Wann haben Sie denn aufgehört, zu Beginn des Komponierens zu denken? Sie haben klassische Komposition studiert, da denkt man ja gerne viel.
Einaudi: Das stimmt schon, am Anfang ist da viel Theorie im Studium, gibt es viele Regeln, die man lernen muss. Dann aber kommt die Phase, in der man anfangen muss, die Dinge zu vergessen. Sonst schreibt man akademische Musik, die nur noch Regeln folgt. Das war nie mein Ziel. Je weiter ich mich also als Komponist entwickelte, desto weniger spielten Theorie und Regeln eine Rolle, desto freier fühlte ich mich. Das ist übrigens ein Prozess, der noch anhält. Ich fühle mich beim Komponieren freier denn je!
Welche Routinen haben Sie beim Komponieren?
Einaudi: Gar keine! Ich kann überall arbeiten: zu Hause, im Studio, auch auf Tournee. Heute zum Beispiel verbringe ich im Konzerthaus einige Zeit am Klavier beim Soundcheck, da kann ich problemlos eine musikalische Idee aufzeichnen, die kommt. Wenn ich meine Kompositionen aber fertigstelle, kann ich nicht auf Reisen gehen und Konzerte geben. Da muss ich meine ganz Zeit und meine ganze Energie dem schöpferischen Prozess widmen. Aber auch da habe ich keine besonderen Routinen.
Arbeiten Sie mit Stift oder mit Computer?
Einaudi: Mit beidem. Wenn es schnell gehen soll, nehme ich in den Bleistift, um Ideen schnell zu Papier zu bringen. Der Vorteil bei Computern ist, dass ich Notizen schnell wieder verändern kann. Generell lässt sich damit auch strukturierter arbeiten.
Was spielen Sie am Klavier, wenn Sie nicht Werke von Ludovico Einaudi spielen?
Einaudi: Ach, das können die Beatles sein, aber auch Scarlatti, Beethoven. Manchmal greife ich mir auch einfach ein Notenbuch und spiele daraus.