Tschechien ist nicht nur das Land der typografischen Sonderzeichen und unaussprechlichen Namen, sondern ohne Frage auch eine Opernnation. Das mag man angesichts der Nachbarn und Nachbarsnachbarn mit ihren allgegenwärtigen Aushängeschildern (etwa Mozart, Wagner, Verdi oder Bizet) hin und wieder vergessen. Aber einige der schönsten Melodien, die wir kennen, stammen von tschechischen Komponisten: Allen voran Antonín Dvořák schuf nicht nur in seinem Sinfonie- und Instrumentalwerk ewige Ohrwürmer, sondern auch mit seiner Oper „Rusalka“ und ihrem lieblichen „Lied an den Mond“. Insgesamt schrieb er zehn Opernwerke. Und auch Bedřich Smetana, dessen strömend rauschende „Moldau“ auf keiner Meisterwerke-der-Klassik-Playlist fehlen darf, schaffte es mit seiner heiteren Oper „Die verkaufte Braut“ in den gängigen Musiktheater-Kanon. Er vollendete zeitlebens acht Opernwerke.
So weit, so gut. Wer aber nun gelangweilt die Augen rollt beim Gedanken, alles schon zu kennen, dem sei nun im Folgenden nahegelegt, welch grandioses Opernrepertoire tschechischer Komponisten auch abseits der bekannten Dvořák- und Smetana-Gassenhauer in den kommenden Wochen zu entdecken ist.
Wenn die Nächstenliebe zu bröckeln beginnt
Passend zur Passionszeit im Ostermonat April etwa steht gleich mehrfach „The Greek Passion“ von Bohuslav Martinů auf dem Spielplan – das insgesamt sechzehnte und letzte Bühnenwerk des Komponisten, dessen gewaltiges Œvre heute viel zu wenig bekannt ist. Martinů wurde 1890 im böhmischen Polička geboren, lebte und wirkte später in Paris. Nachdem seine Musik von den Nazis verboten wurde, floh er in die USA. Seinen Lebensabend verbrachte er in der Schweiz, wo er 1959 starb.
Gleich einer Parabel erzählt „The Greek Passion“ die Geschichte einer frommen Dorfgemeinschaft, die ein Passionsspiel aufführen will. Als plötzlich jedoch eine Gruppe von Geflüchteten erscheint und um Hilfe bittet, wächst die Überforderung. Das christliche Fundament der Nächstenliebe beginnt schnell zu bröckeln – mit fatalen Folgen. Stets aktuell und volksnah ist nicht nur die aufwühlende Thematik, sondern auch Martinůs eingängige Musiksprache, die große Chortableaus mit griechischer Folklore und orthodoxer Liturgie vereint. In Hannover ist dieses Werk unter der Regie von Barbora Horáková zu sehen, in Bielefeld inszeniert wenig später Manuel Schmitt.
Vom Kreislauf des Lebens
Zwischen volksmusikalischen Anklängen und Stilelementen der Moderne pendelte auch der aus Mähren stammende Leoš Janáček, dessen Schaffen sich jedoch im Vergleich zu Martinů gerade in jüngster Zeit etwas regelmäßiger auf den Spielplänen der Opernhäuser wiederfindet. Mit „Jenůfa“ in Heidelberg und „Das schlaue Füchslein“ am Theater Münster gehen zwei sehr kontrastierende Werke des Komponisten auf die Bretter: Das erste ist eine naturalistische Tragödie um unerwiderte Liebe, körperliche Gewalt, Gesellschaftszwänge, Kindsmord und verzweifelte Vergebung. Das zweite ist eine fantastisch-konfuse Tierfabel mit heiterer Oberfläche und subtilem Tiefgang, die den Kreislauf des Lebens und die entfremdete Verbindung von Mensch und Natur durchleuchtet. Beide Werke sind heute tief in der tschechischen Kulturidentität verwurzelt.
Zugegeben, man verortet seine Herkunft heute nicht in der Tschechischen Republik: Vielmehr der deutschsprachigen Wiener Kultur verbunden, gilt Erich Wolfgang Korngold als österreichisch-amerikanischer Komponist. Dennoch wurde er zweifelsohne im mährischen Brünn, also im heutigen Tschechien geboren. Man verzeihe und gönne uns also diese kleine Schummelei, um Ihnen im Rahmen unserer „tschechischen“ Tippkolumne auch die in Zürich bevorstehende Inszenierung seiner berühmtesten Oper „Die tote Stadt“ ans Herz zu legen, die, in Szene gesetzt von Erfolgsregisseur Dmitri Tcherniakov und musikalisch geleitet von Lorenzo Viotti, große Erwartungen hervorruft.
Fr, 11. April 2025 19:30 Uhr
Martinů: The Greek Passion
Shavlag Armasi (Priester Grigoris), Daniel Eggert (Patriarcheas), Frank Schneiders (Hauptmann), John Pickering (Lehrer), August Zirner (Ladas & Kommentator), Stephan Zilias (Leitung), Barbora Horáková (Regie)
Sa, 12. April 2025 19:30 Uhr
Janáček: Das schlaue Füchslein
Golo Berg (Leitung), Magdalena Fuchsberger (Regie)
Do, 17. April 2025 19:30 Uhr
Janáček: Das schlaue Füchslein
Golo Berg (Leitung), Magdalena Fuchsberger (Regie)
Termintipp
Mo, 21. April 2025 19:00 Uhr
Korngold: Die tote Stadt
Eric Cutler (Paul), Vida Miknevičiūtė (Marietta/Marie), Björn Bürger (Frank/Fritz der Pierrot), Evelyn Herlitzius (Brigitta), Rebeca Olvera (Juliette), Siena Licht Miller (Lucienne), Lorenzo Viotti (Leitung), Dmitri Tcherniakov (Regie)
Di, 22. April 2025 19:30 Uhr
Martinů: The Greek Passion
Shavlag Armasi (Priester Grigoris), Daniel Eggert (Patriarcheas), Frank Schneiders (Hauptmann), John Pickering (Lehrer), August Zirner (Ladas & Kommentator), Stephan Zilias (Leitung), Barbora Horáková (Regie)