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Porträt Anna Lucia Richter

Bungee-Jumping für die Seele

Auf ihren Touren durch die Welt lernt sich die Sopranistin Anna Lucia Richter immer wieder neu kennen

vonKatherina Knees,

Schwungvoll piekt Anna Lucia Richter die Gabel in den Pflaumenkuchen. Die blauen Augen der jungen Frau blitzen vergnügt, sie hat eine herrlich ungekünstelte Art und genießt sichtbar einen dieser raren Momente in ihren heimatlichen Gefilden in Köln. Denn seit die Sopranistin 2012 den internationalen Robert-Schumann-Wettbewerb gewinnen konnte und mit dem Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet wurde, geht es Schlag auf Schlag: Beinahe pausenlos ist sie unterwegs, nicht nur in Deutschland reißen sich die Konzertveranstalter um sie.

 

Nun ist die Sängerin zwar ausgesprochen reiselustig, und doch kann sie sich noch immer nicht so ganz mit dem Nomadenleben anfreunden: „Ich habe stets das Gefühl, dass meine Seele nicht so schnell fliegen kann wie ich. Das ist das Schlimmste am Jetlag, denn ich habe dann das Gefühl, dass ich noch nicht vollständig angekommen bin.“ Und weil sie die Seele nun einmal beim Singen braucht, ist für die Domstädterin jener Moment im Konzert, wo alles wieder spürbar beisammen ist, denn auch magisch und zutiefst beglückend. Eine Erfahrung, die Anna Lucia Richter derzeit beinahe jede Woche machen kann, geht es doch für Liederabende und Konzerte von New York nach Luzern, von London nach Japan und weiter nach San Francisco und Los Angeles: einmal um den Erdball und zurück.

 

Euridice mit 40 Grad Fieber

Doch natürlich reicht in Sachen Jet-Set-Leben Belastbarkeit allein längst nicht aus: Schließlich ist gerade eine Opernsängerin nicht nur stimmlich gefragt, sondern auch als Darstellerin. Und Richter mag diese schauspielerischen Herausforderungen, die Inszenierungen mit sich bringen. Selbst wenn jene gelegentlich ihre körperlichen Grenzen ausloten wie die Orfeo-Produktion der Choreografin Sasha Waltz in Amsterdam, Bergen und Berlin: Als Euridice sang sie die Premiere mit 40 Grad Fieber und holte sich immer neue blaue Flecken bei den Tanzeinlagen mit den Profitänzern, wurde vor der einen Arie kopfüber über die Bühne getragen und musste unmittelbar vor einem anderen Einsatz aus einem Loch im Bühnenuntergrund hervorklettern. „Ich hab immer gedacht, ich muss diesen Weg, den ich da vor meinem Auftritt krieche, mal mit dem Handy filmen, weil mir das sonst keiner glaubt“, erinnert sich die aparte Künstlerin lachend. „Ich sah aus wie ein Höhlenforscher – eigentlich fehlte nur noch die Stirnlampe.” Und schmunzelnd fügt sie hinzu: „Es wurde zwar nicht gefordert, dass ich Bungee-Jumping auf der Bühne mache und dabei ein hohes C singe – aber so in die Richtung ging es schon.“

Doch bei aller Liebe zu den Abenteuern der Oper und der feierlichen Atmosphäre großer Oratorien: Vor allem liebt Richter die kleine Form des Liedes. Und hat hier vor einiger Zeit die Faszination der Lied-Improvisation für sich entdeckt: „Wenn ich mit dem Pianisten Michael Gees gemeinsam herumexperimentiere und im Konzert spontan Gedichte vertone, dann lerne ich ganz viel über mich selbst und finde gerade in der Unvorhersehbarkeit musikalisch zu mir.“ Auch wenn es schwer sei, dem Publikum klar zu machen, dass es sich hierbei mitnichten um Jazz handle: „Es ist nicht in den Köpfen, dass viele klassische Komponisten früher wie verrückt improvisiert haben.“

Für die Sopranistin indes war sogleich klar, dass ihre erste Solo-CD unbedingt auch Improvisationen enthalten sollte. Da überrascht es denn auch nicht, dass in diesem Debüt-Album ganz viel Seele steckt: Denn die ist zum Glück rechtzeitig zur Aufnahme im Studio angekommen.

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