Dieser Band weitet Wahrnehmungen und Ohren. Die Aufsätze aus den Fachveranstaltungen „Stand und Perspektiven musikwissenschaftlicher Homosexualitätenforschung“ (2017) und „Homosexualitäten und Manierismus“ (2018) an der Hochschule für Künste Bremen sind eine Fundgrube über die Verifizierung sexueller Identitäten, Spuren von Biografien in Schöpfungen und den Wandel von Ansichten über queere Musikerpersönlichkeiten. Die Texte fordern von den noch oft voreingenommenen Kulturwissenschaften angemessene Forschungsansätze und -inhalte. Es werden dicke Schichten von „Korrekturen“ und „Reinigungen“ abgetragen, die bewusst oder unbewusst durch systemkonforme Orientierungen an normativen Geschlechterrollen und herrschenden Moralvorstellungen entstanden. Viele Beiträge widmen sich Spuren und Fragen, die in tradierten Zuschreibungen nicht ohne weiteres erkennbar sind.
Zum Beispiel bei dem in seinen späteren Lebensjahren offen schwul lebenden Hans Werner Henze ist es verhältnismäßig einfach, Reflexe von dessen Neigungen im Schaffen zu erkennen. Komplexer gerät die Rezeption bei Ethel Smyth, deren explizit sexuelle Äußerungen in Zitaten aus ihren Briefen ohne Kennzeichnung der Auslassungen herausgestrichen wurden. Oft bleiben Zuschreibungen Auslegungssache wie in der Steblin-Solomon-Debatte über Franz Schubert. Einen Konsens gibt es zwischen den Beiträgen nicht, was die Lektüre des Bandes überdies zu einem spannenden Streifzug durch verschiedene Methoden zur Annäherung und Wertung macht – inbegriffen Plädoyers für ein körperliches Musikhören und queere Störmanöver gegen die fassadenhafte Heteronormativität in Operetten.